Frischluft aus der Dose

Von der Fiktion zur Realität

Unbeschwert saubere Luft zu atmen, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Doch nicht nur Asthmatiker und Allergiker tun sich hiermit schwer. Vermehrt leiden auch viele Großstädter unter der erhöhten Smog-Belastung. Mehrere Anbieter haben den Bedarf erkannt. Sie betreiben Air-Farming – und verkaufen Luft aus der Dose.

Wie schön war sie, die Zeit, in der etwas Derartiges noch als Science-Fiction galt. So wie in der Star-Wars-Parodie „Spaceballs“ von Mel Brooks aus dem Jahr 1987. In einer kurzen Szene dementiert Präsident Skroob (gespielt von Mel Brooks) vom Planeten Spaceball im Telefoninterview gegenüber einem Reporter das Vorliegen einer Luftknappheit. Das seien nichts als Gerüchte, wiegelt er ab. Nur um im nächsten Moment über ebenjenen neugierigen Reporter zu fluchen. Skroob greift in seine Schreibtischschublade, die prall gefüllt ist mit „Perri-Air“ – Luft aus der Dose. Verschluss auf, Nase ran und erstmal einen tiefen Zug nehmen. Dem Präsident scheint’s zu gefallen.

Doch zurück zur Realität. Fakt ist: Die Luft wird immer schlechter. In vielen Teilen Asiens gehören Atemschutzmasken und Smog-Alarm bereits zum Alltag.

Gerade in zentralasiatischen Ballungsräumen ist Luftverschmutzung zu einem ernsten Problem geworden.

Luftfilter schaffen in Geschäften und Privathaushalten bereits Abhilfe. Doch das Bedürfnis nach sauberer Luft ist noch lange nicht befriedigt. Besonders in Beijing ist die Lage alarmierend. Die gravierende Luftverschmutzung soll in China laut US-Forschern für geschätzte 1,6 Millionen Tote im Jahr verantwortlich sein. Das entspricht etwa 4.400 Menschen pro Tag – und 17% aller Todesfälle der Nation.  Die Lebenserwartung chinesischer Verkehrspolizisten beträgt gerade einmal 43 Jahre.  Das Land der Mitte reagiert – und investiert zunehmend in die Bekämpfung der Luftverschmutzung.  Doch auch in Europa sieht die Lage nicht viel besser aus. Deutschland ist hier Spitzenreiter. Und zwar in Sachen vorzeitiger Todesfälle aufgrund von Feinstaubemissionen. 

Es gibt natürliche Feinstaubquellen und solche, die vom Menschen gemacht werden. Unter die natürlichen fallen etwa Emissionen aus Vulkanen und Meeren, Wald- und Buschfeuer, Bodenerosion und bestimmte biogene Aerosole wie Viren sowie Sporen von Bakterien und Pilzen. Zu den vom Menschen verursachten Feinstaubquellen zählen Kraftfahrzeuge, Kraft- und Fernheizwerke sowie Abfallverbrennungsanlagen, Öfen und Heizungen in Privathaushalten und bestimmte Industrieprozesse. Auch die Landwirtschaft spielt hier eine nicht unwesentliche Rolle, insbesondere Emissionen gasförmiger Vorläuferstoffe aus der Tierhaltung.

Urlaub für die Sinne

Verschiedene Anbieter möchten diesen steigenden Bedarf an Frischluft decken – mit gepresster Luft im praktischen Dosenformat. Doch das System ist nicht unbedingt neu. Man kennt es bereits von purem Sauerstoff, etwa bei Atembeschwerden oder für Wanderungen im sauerstoffarmen Hochgebirge.

John Dickinson und sein Geschäftspartner Theo Ruygrok der australischen Firma „Green and Clean“ bieten genau das. Für 18,80 australische Dollar gibt es 130 Atemzüge Frischluft mit Urlaubsfeeling. Denn die kostbare Luft stammt natürlich nicht von irgendwoher, sondern aus bekannten Urlaubsorten in Australien und Neuseeland. Heute lieber eine Nase Bondi Beach, Yarra Valley oder doch lieber Blue Mountains? Die Maske zum Inhalieren gibt es inklusive.  Ein ideales Mitbringsel für Touristen. Oder eben Großstädter. Wie gesund das sein mag, bleibt offen.

“Remember the day when people laughed at bottled water? “It comes out of the tap, why would I want a bottle?” The truth is, we’ve begun to appreciate the clean, pure and refreshing taste of quality water. Air is going the same way.”

Doch was ist eigentlich so ungesund an unserer verschmutzten Luft? Die größte Gefahr geht von winzigen Luftpartikeln aus, die weniger als 2,5 Mikrometer groß sind und somit tief in die menschliche Lunge und schließlich den Blutkreislauf eindringen können.

Je kleiner, desto schädlicher: kleine Partikel in unserer Atemluft. Eigene Darstellung.

Die Folge: Gesundheitsprobleme wie Asthma, Lungenkrebs oder Herzinfarkte. Die Forscher von Berkeley Earth ziehen ein düsteres Fazit:

“Air pollution is a problem for much of the developing world and is believed to kill more people worldwide than AIDS, malaria, breast cancer, or tuberculosis.” Robert A. Rhode und Richard A. Muller, amerikanische Physiker

Luft aus der Dose mag auf den ersten Blick ein seltsames, bisweilen sogar lächerliches Produkt sein – auf den zweiten Blick ist es durchaus bedenklich, dass es überhaupt einen solchen Bedarf an frischer Luft gibt. Das Problem der Luftverschmutzung wird durch Air-Farming nicht gelöst, sondern nur symptomatisch therapiert. Zudem ist ungewiss, wie gesund die „reine“ Luft aus der Dose wirklich ist oder wie viele dieser Dosen nötig wären, um einen nachweisbaren Effekt auf die Gesundheit zu erzielen. Es gilt nun, zukunftsfähige Lösungen zu finden, die die globale Lage dauerhaft verbessern: technologische Weiterentwicklungen im Bereich der Luftfiltration zum einen und alternative Mobilitäts- und Wirtschaftskonzepte zum anderen. Und zwar bevor die Luft zum Atmen knapp wird – und wir doch noch auf Frischluft aus der Dose zurückgreifen müssen. Denn: Jeder Mensch hat ein Recht auf saubere Luft.

Quellen
1 Levin, Dan: Study links polluted air in China to 1.6 Milion Deaths a Year, In: The New York Times.com vom 13.08.2015.
2 China city traffic cops given 43 years to live, In: Reuters.com vom 07.08.2007.
3 Höhe der Gesamtinvestitionen in Bekämpfung von Umweltverschmutzung in China in den Jahren 2006 bis 2013 (in Milliarden Yuan), In: Statista.de (Ministry of Environmental Protection China, 2017).
4 Anzahl vorzeitiger Todesfälle aufgrund von Feinstaubemissionen in Europa nach Ländern im Jahr 2014, In: Statista.de (EEA, 2018).
5 Feinstaub-Belastung, In: Umweltbundesamt.de vom 01.11.2017.
6 Australische Firma verkauft Chinesen Luft in Dosen, In: Spiegel.de vom 02.05.2016.
7 Vitality Air Homepage. Products. Our Air. URL= https://vitalityair.com/about-our-air/.
8 Rohde, Robert A./Muller, Richard A.: Air Pollution in China: Mapping of Concentrations and Sources, 2015, S.1.